Der Haselwuchs der Gemeinen Fichte ist ein noch immer ungeklärtes Phänomen der alpinen Wälder Bayerns und Tirols. Haselfichtenholz wird aufgrund seiner besonderen Klangeigenschaften seit Jahrhunderten im Musikinstrumentenbau geschätzt, da es Schwingungen von Saiten so einfangen kann, dass erzeugte Töne mit einer Vielfalt an Klangfarben erklingen. Die Fähigkeit eine wertvolle Haselfichte bereits am stehenden Baum zu identifizieren besitzen nur wenige erfahrene Fachleute und stützt sich auf empirische Charakteristika. Absolute Gewissheit kann zum jetzigen Zeitpunkt nur durch das Fällen des jeweiligen Baumes bzw. Entnahme von holzschädigenden Zuwachsbohrkernen erlangt werden. Daher wird der Bedarf im Instrumentenbau bislang nur zufällig gedeckt, wenn beim Einschlag von autochthonen Fichtenbeständen vereinzelt haselwüchsige Stämme anfallen. Industrielle Schlägerungen führen häufig dazu, dass Bestände übersehen oder unbrauchbar gemacht werden. Eine wissenschaftlich fundierte Erkennung und gezielte Auswahl ist daher von zentraler Bedeutung für den ressourcenschonenden Umgang und damit den Erhalt der Haselfichten.
Das vorliegende Projekt widmet sich der zentralen Frage: Welche molekularen und genetischen Mechanismen führen zur Ausbildung des Haselwuchses und wie kann dieses Phänomen zuverlässig minimalinvasiv erkannt werden?
Durch integrative Omics-Analysen sollen kausale Zusammenhänge mit Standort- und Umweltbedingungen identifiziert werden, die den Haselwuchs begünstigen. Darauf basierend können gezielt Maßnahmen zum Schutz natürlicher Lebensräume sowie Werkzeuge für eine systematische Identifikation entwickelt werden.
Das Projekt baut auf die Kooperation von Wissenschaftlern der Universität Innsbruck, der Technischen Universität München und Mitgliedern des gemeinnützigen Vereins „Forum Haselfichte“. Die Gemeinde Wenns ermöglicht Probennahmen für die Feldforschung. Rudolf Bachmann, Inhaber von Bachmann Tonewood, stellt sein Tonholzlager für Analysen zur Verfügung.
Das Projekt verfolgt das Ziel, die biologischen und chemischen Grundlagen der Haselwuchsbildung aufzuklären. Auf diese Weise soll eine zuverlässige Klassifizierung von Fichten im stehenden Bestand ermöglicht werden, die zugleich die Basis für einen ressourcenschonenden Umgang mit diesem wertvollen Holz bildet.
• Biodiversitätserhaltende Nutzung: Da die Haselfichte ein seltenes Phänomen in bestimmten Höhenlagen Bayerns und Tirols ist, stellt ihre Verwertung eine besondere Herausforderung dar. Erkenntnisse zu ihrer Entstehung könnten als Grundlage für Leitlinien zu optimierten Schutz- und Entnahmepraktiken dienen, was ihren langfristigen Bestand sicherstellen würde.
• Wissenstransfer: Die Ergebnisse des Projekts sollen an Zielgruppen aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft vermittelt werden. Neben der Veröffentlichung in Fachzeitschriften sind praxisorientierte Formate wie Leitlinien und Workshops vorgesehen. Ein Schwerpunkt liegt auch auf der Zusammenarbeit mit regionalen Bildungsinstitutionen.
• Diagnostik in der Forstwirtschaft durch robuste Analysetools: Die Einbindung nahinfrarotspektroskopischer Techniken könnte erstmals eine zerstörungsfreie und zuverlässige Identifikation von Haselfichten im stehenden Bestand ermöglichen. Dadurch könnte ein Werkzeug bereitgestellt werden, mit dem sich wertvolle Bäume frühzeitig erkennen, bewirtschaften und in forstliche Nutzungskonzepte einbinden lassen.
• Qualitätskontrolle im Tonholzhandel: Die spektroskopische, molekulare und genetische Charakterisierung von Tonhölzern stellt die Grundlage für eine objektive und wissenschaftlich fundierte Qualitätsklassifikation dar. Geplant ist der Einsatz von KI-Verfahren wodurch Daten in Echtzeit verarbeitet und kontinuierlich ergänzt werden können, sodass ein dynamisches und fortlaufend optimiertes Qualitätskonzept für Haselfichtenholz entsteht, wovon Forstwirtschaft und Holzhandel gleichermaßen profitieren.
Ein vertieftes Verständnis der Haselfichte gelingt am besten, wenn Expertisen und Interessen von Fachleuten aus Bayern und Tirol zusammengeführt werden, Regionen in denen diese Wuchsform besonders häufig auftritt. Die gemeinsame Erhebung und Auswertung regionaler Daten ermöglicht eine präzise Einschätzung ihrer Entstehung, Eigenschaften und waldbaulichen Relevanz. Nur so können multinationale Konzepte erarbeitet werden.
· Von Omics-Untersuchungen zu gezielten Schutzmaßnahmen: Da die Ursachen des Haselwuchses hochkomplex sind, erfordert das Projekt ein Team, das unterschiedliche Forschungsbereiche integriert. An der Universität Innsbruck werden Unterschiede im Primär- und Sekundärmetabolismus sowie in den spektralen Eigenschaften verschiedener Fichtenwuchsformen untersucht; an der Technischen Universität München erfolgen ergänzend Transkriptomanalysen. Nur durch die Vernetzung umweltbezogener und genetischer Faktoren mit dem Inhaltsstoffmuster können ganzheitliche Erkenntnisse gewonnen und gezielte Schutzmaßnahmen etabliert werden.
· Nicht-destruktive Diagnostik als Biodiversitätsinstrument: Durch die Weitergabe entwickelter Techniken an Förster und Ausbildungsstätten für land- und forstwirtschaftliche Berufe kann eine großflächige Kartierung des Haselfichtenbestandes in Bayern und Tirol erreicht werden. Diese kann wiederum zur Erstellung grenzübergreifender Konzepte und Leitlinien für die nicht-invasive Erkennung und gezielte Verwertung genützt werden. Im Gegensatz zu einer lokal begrenzten Untersuchung der Haselfichte, ermöglicht nur eine regional umfassende Identifizierung eine vollständige Bewertung ihrer Bedeutung im alpinen Raum.
· Verbreitung der Haselfichte: Vermittlung und Verankerung von Wissen über die Haselfichte in der lokalen Bevölkerung fördern eine nachhaltige Nutzung und den Schutz dieser wertvollen Ressource. Damit soll ihre kulturell-ökologische Bedeutung gestärkt und die gesellschaftliche Unterstützung für Biodiversitätsschutz erhöht werden.
Name der Organisation
Universität Innsbruck
Anschrift der Organisation
Centrum für Chemie und Biomedizin
Innrain 80/82
6020 Innsbruck
Österreich
Ansprechpartner
Prof. Dr. Simone Moser
Telefon
Zuordnung des Leadpartners:
Land Tirol
Name der Organisation
Technische Universität München
Werner Siemens-Lehrstuhl für Synthetische Biotechnologie
Anschrift der Organisation
Verein Forum Haselfichte